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Zu
spät, um spät dran zu sein
Gelegentlich wächst man an seinen Aufgaben;
gelegentlich scheitert man an ihnen. Ausgerechnet zur Chronistin dieses
Abends zu werden, der so reich war an musikalisch hervorragenden
Momenten, ihn meinen 6,7Mrd. Mitmenschen ebenso schillernd, wie er sich
tatsächlich abgespielt hat, schildern zu müssen und
das auch noch jetzt, wo meine Feder, diese Waffe, die, wie es
heißt, mächtiger ist als das Schwert, abgebrochen
ist (oder- um die Bildebene einmal wieder zu verlassen: mein Computer
kaputt ist), das ist schon eine Herausforderung. Und ich werde ihr
nicht gerecht werden, wenn man diese vier ersten, faden Zeilen als
Maßstab meines Könnens erachtet. Umso mehr sollten
sich alle Leser dieser Kritiken aufgerufen fühlen, sich einmal
selbst auf den Weg zum Openmic zu machen, damit sie nicht
länger von meinem Geschreibsel abhängig sind. Wem der
Gedanke, das Haus tatsächlich zu verlassen, allerdings zu
absurd scheint, dem sei geraten, doch wenigstens ein gutes Buch zu
lesen.
Von meiner Versagensangst nun zu Michael Olbrich, bei dem
Nervosität zwar durchaus verständlich gewesen
wäre -immerhin war er nicht nur der erste Interpret des
Abends, sondern auch der unerfahrenste-, aber eben nicht festzustellen
war. Gutgelaunt führte er durch eine Auswahl seiner Lieder,
teils in Deutsch, teils in sehr anschaulichem Englisch, begleitete sich
selbst beim "Köln-Song" und "Freisein ist erlaubt" mit kleinen
Pfeifeinlagen und zart-swingendem Gesang. Die Gitarrenarbeit aber blieb
seine Trumpfkarte, besonders bei dem ohnehin sehr charmantem
Stück "Stimmen im Knie", das trotz oder mit seiner etwas
abseitigen Thematik, Körperteile, gute Unterhaltung bot.
Nun kamen Mike und Stefan -Eingeweihten wohl besser kannt unter dem
Namen Mike und
der Doktor- auf die Bühne. Versiert führten
sie mit ihren Insrumenten, Gitarre und Bass, durch Stücke, die
Anleihen bei Jazz Zigeunermusik, Flamenco und dem Chanson machten.
Überhaupt wurden durch Mikes intensive Vortragsweise
Erinnerungen an dieses französische Metier wach. Gerade bei
den Liedern "Der Krieger", "Monogamie" und "Schwester Nacht", die er
ohne Bass präsentierte, gelang es ihm, die an starken Bildern
reichen Texte mit einem großartigen Gespür
für Dramatik für die Zuschauer fesselnd darzustellen.
Und sein Partner untermalte die jeweiligen Stimmungen weniger
extrovertiert, aber ebenso pointiert auf seiner Gitarre.
Heiko oder "Lucky Ranft",
der nach eigener Auskunft bereits im Vorprogramm für
Götz Widmann und die Monsters of Liedermaching aufgespielt hat
und dessen erstes Album "Little Town Blues" 2006 herausgekommen ist,
war extra für diesen Kurzauftritt aus Leipzig angereist. Das
verdient Applaus. Anerkennung gebührt ihm aber auch, weil er
sich weder durch die Public Viewer, die gerade die beiden ersten
Treffer der Holländer gegen die Italiener lautstark
bejubelten, noch durch vorbeihuschende Kellner, für die die
Bühne mit Anbruch des Sommers auch die Funktion eines
Durchgangs zum Biergarten übernommen hat, irritieren
ließ. Er spielte mal ruhig, mal ganz ruhig (wie bei dem Lied
"Sei mein Engel", einer zarten Ballade, deren Sanftheit seiner eher
rockigen Stimme einige Schwierigkeiten bereitete, was aber den Eindruck
der Wahrhaftigkeit nur verstärkte) mit lakonischer
Attitüde. Die Wirkung seiner Lieder kommt vor allem
über die Texte, die uns in Momentaufnahmen Einblicke in
Luckies Lebenswelt erlauben.
Genau wie sein Vorgänger auf der Bühne hat auch Frank Berens mich mit
Informationen über seine musikalische Vergangenheit versorgt,
und ich bin stolz, beeindruckt und -nachdem ich seinen Auftritt gesehen
habe- keine bißchen überrascht berichten zu
können, dass er 1996 die Stimme Hessens und 2004 Gesamtsieger
bei Linus Talentprobe geworden ist und 2006 den Fachmedienpreis
erhalten hat. Als facettenreicher Pianist, bald gewaltig, bald
verspielt, und routinierter Sänger mit klarer,
kräftiger Stimme überzeugte er nämlich auch
beim Openmic. Teils auf Deutsch, teils auf Englisch waren seine Songs,
drei davon komplett selbstgeschrieben, dazu mit "Nachthimmel" ein Cover
ihm befreundeter Komponisten und die sehr schöne, an Tori Amos
erinnernde Vertonung eines ebenso ansprechenden Fremdtextes,
"Schließe deine Augen".
Wer erwartet hatte, diese Kritik würde aufgrund der relativ
langen Entstehungszeit besser, länger oder sonstwie
komparativer als ihre Vorläufer ausfallen, wird nun
enttäuscht sein (ich z.B. bin's. Die handschriftliche Vorlage
hierzu, die ich zwei Wochen lang als beschwerenden Ballast immer in der
Erwartung eines funktionsfähigenComputers mit mir
herumgeschleppt habe, schien mir tatsächlich ungefähr
3kg ausführlicher zu sein, und auch Worte ergeben ja viel mehr
Sinn, wenn man sie nicht liest, sondern nur in der Hosentasche dabei
hat). Zur Aufmunterung sei der Besuch des nächsten Openmic am
14.07. empfohlen!
Gruß,
Ann
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